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“Wir mochten ihn nicht!”

“Wir mochten ihn nicht!”

Predigt von Pater Mario Muschik CMM anlässlich der Fußwallfahrt nach Glöckelberg 2024:

Liebe Mitchristen, diese Worte, die ein ehemaliger Studienkollege über Pater Engelmar gesagt hat, haben mich als Jugendlicher schockiert: „Wir mochten ihn nicht!“

Damals war ich selbst noch Schüler und habe mitbekommen, dass der Seligsprechungsprozess für Pater Engelmar begonnen hatte. In unserem Internat in Lohr am Main habe ich einen seiner Studienkollegen getroffen, als dieser dort einige Wochen Heimaturlaub machte. Ich war neugierig darauf, was ein Zeitzeuge von Pater Engelmar zu berichten hat, und dementsprechend tief schockiert über diese Antwort: „Wir mochten ihn nicht“

Später hat mir jemand erklärt, warum seine Mitstudenten Pater Engelmar etwas distanziert gegenüberstanden: Er hat als junger Mensch, sicher auch mit einer gewissen Naivität, nur gesehen, was Hitler für die Deutschen in seiner Heimat im Schönhengstgau Gutes bewirkt hat, und war blind dafür, wie menschenverachtend die Ideologie der Nationalsozialisten tatsächlich war.

Aber das sollte sich ändern. Pater Engelmars Aussagen in der Predigt und im Unterricht hier in Glöckelberg waren ein klares Bekenntnis zum christlichen Menschenbild, zur Würde aller Menschen, und zu Jesus Christus selbst.

Sehr wahrscheinlich haben ihn seine Aussagen, dass auch die Juden, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden sind, und seine Aussagen, dass Christus der wahre König der Menschen ist, ins Untersuchungsgefängnis und schließlich ins Konzentrationslager gebracht.

Ich finde diese Entwicklung vom etwas naiven und realitätsblinden jungen Mann zu einem klaren und mutigen Bekenner des Glaubens beachtlich. Und sie gibt Hoffnung: Menschen können sich, mit Gottes Hilfe, entwickeln und über sich hinauswachsen. Außerdem: Oft sind gerade die Bereiche, in denen Menschen manchmal Fehler und Schwächen haben, auch die Bereiche, in denen sie sich bewähren und über sich hinauswachsen können.

Und gerade an einem der schlimmsten Orte der Welt, im Konzentrationslager in Dachau, wo Pater Engelmar die längste Zeit seines priesterlichen Wirkens – mehr als vier Jahre – verbracht hat, ist er noch viel weiter über sich hinausgewachsen, auf geradezu übermenschliche Weise.

Die Bilder stellte uns Frau Gabi Bumberger zur Verfügung:

Aus seinen Briefen können wir herauslesen, dass Engelmar einige Zeit gebraucht hat, um sich mit seiner Situation zurechtzufinden. Er verstand die Welt nicht mehr. Denn er wollte ja eigentlich nicht gezielt Kritik üben. Jedoch dadurch, dass er ganz klar die christliche Lehre vertreten hat, wurde er automatisch zum Kritiker, weil die damalige Ideologie in weiten Teilen mit der katholischen Lehre unvereinbar war. Aber schon zu Anfang seiner Zeit in Dachau spricht aus seinen Briefen ein tiefer Friede, und ein unglaubliches Gottvertrauen, dass sich im Laufe der Zeit noch vervielfacht hat.

Es gibt viele Aspekte an Pater Engelmar, die einfach nur faszinierend sind:

Neben der Entwicklung zum dezidierten Zeugen der christlichen Wahrheiten und dem tiefen Gottvertrauen sind das zum Beispiel seine Fürsorge und Hilfsbereitschaft: Seine Mithäftlinge berichteten, dass er seine klägliche Lebensmittelration mit denen geteilt hat, die sie noch notwendiger brauchten. Später, in den Hungerjahren, als die Häftlinge Lebensmittelpakete von zuhause erhalten durften, hat er auch diese großzügig geteilt. Ein Mithäftling berichtete, dass es ihm immer wieder gelungen ist, den russischen Häftlingen, die in der Ordnung von Dachau an unterster Stelle standen und am schlechtesten behandelt wurden, Brot über den Zaun in ihren abgeteilten Bereich zu werfen.

Dann ist zu erwähnen sein missionarischer Eifer: Als junger Mensch sah er seine Berufung darin, den Glauben in Afrika zu verkünden. Die traurigen Umstände ließen das nicht zu. Aber er wurde zum Apostel und Missionar in Dachau. Es gelang ihm, einigen russischen Häftlingen, die atheistisch erzogen worden sind, in Dachau Katechismusunterricht zu geben und ihnen so den christlichen Glauben nahezubringen. Zumindest von einem von diesen Häftlingen wissen wir, dass er nach dem Krieg tatsächlich katholisch getauft worden ist.

Pater Engelmar hat sich ganzheitlich für das Wohl seiner Mithäftlinge eingesetzt: Als gegen Ende des Krieges eine Typhusepidemie ausbrach, und das medizinische Personal des Konzentrationslagers sich wegen der hohen Ansteckungsgefahr weigerte, die Kranken zu pflegen, meldete sich Pater Engelmar freiwillig zum Dienst in den Typhusbaracken. So konnte er den Kranken in ihrer leiblichen Not helfen, und ihnen zugleich als Priester in ihrer seelischen Not beistehen und sie auf dem letzten Weg begleiten.

Obwohl Pater Engelmar sicher wusste, dass er diesen Dienst mit seinem Leben bezahlen wird, war er bereit, sich ihm zu stellen. So starb er, aus Liebe zu Gott und den Menschen, und wurde zum Märtyrer der Nächstenliebe und zum Engel von Dachau.

Mich fasziniert mein seliger Mitbruder zutiefst. Ich staune über die Entwicklung, die er mitgemacht hat, sein tiefes Gottvertrauen und seinen inneren Frieden, seine Hilfsbereitschaft, seinen Eifer, den Glauben zu verbreiten, seine Bereitschaft, den Mitmenschen in ihrer leiblichen und seelischen Not beizustehen, und die Bereitschaft, sein Leben zu opfern aus Liebe zu Gott und den Menschen.

Seliger Engelmar, bitte für uns! Amen