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Nach über fünfzig Jahren als Priester im südlichen Afrika kehrt Pater Winfried Egler CMM nach Österreich zurück. Gestern Abend wurde er von der Region Mthatha durch den Regionaloberen Gideon Sibanda sowie etlichen Missionsschwestern vom Kostbaren Blut und Pater Stefan Mandl CMM verabschiedet. Wir wünschen ihm einen guten Übergang und freuen uns für die österreichische Region, dass sie nun wieder einen weiteren Mitbruder in ihren Reihen begrüßen kann. (Fotos: ©2021 CMM Mthatha)

Pater Winfried Egler CMM schreibt: 

„Mein Geburtsort Sackelhausen liegt im westlichen Teil Rumäniens, im deutschsprachigen Banat. Gegen Ende des 2. Weltkriegs, im Oktober 1944, floh meine Familie mit dem größten Teil der Dorfbevölkerung vor der anrückenden Front. Im Mai 1945 fanden wir eine Bleibe in einem Barackenlager für Flüchtlinge in Linz. Für zehn Jahre lebten wir zu sechst in zwei kleinen Räumen.

Von 1953 bis 1960 besuchte ich das Gymnasium Kollegium Petrinum. Es war in den letzten Jahren im Petrinum, dass ich mich immer öfter mit dem Gedanken befasste, in die Mission zu gehen. Verschiedene Personen und Erlebnisse bestärkten diesen Wunsch, wie zum Beispiel die Predigten von Pater Leppich auf dem Hauptplatz von Linz, Exerzitien gegeben von Pater Berthold Mayr CMM und die Biographie von Abt Franz Pfanner, dem geistlichen Vater der Kongregation der Missionare von Mariannhill.

Mein Noviziat machte ich von 1960 bis 1961 in Brig in der Schweiz, anschließend studierte ich bis 1967 an der Universität Würzburg Philosophie und Theologie.

Während der Seminarzeit hörten wir zwar gelegentlich Vorträge von Missionaren, aber eine gründliche Vorbereitung und Einführung in die Arbeit im Einsatzland gab es für uns damals nicht. Wir wurden gleichsam „ins tiefe Ende“ geworfen und mussten ‚schwimmen‘.

Im Mai 1968 bin ich mit meinem Mitbruder Pater Ernst Plöchl per Schiff nach Südafrika ausgereist. Ich hatte das Glück, auf eine Missionsstation zu einem Mitbruder zu kommen, der mich sehr gut in die neue Situation eingeführt hat – z. B. in die schwierige Xhosa Sprache mit der total fremden Grammatik und den Klickslauten, in die Situation der Apartheidpolitik, die Sitten und Bräuche der Leute und in die Arbeit in der Pfarre mit den vielen Außenstationen.

Wenn ich jetzt auf die 46 vergangenen Jahre zurückblicke, sind es vor allem zwei Situationen, die sich völlig verändert haben.

Da ist zuerst die kirchliche Situation. Unsere Diözese Umtata mit Sitz in Mthatha (am Indischen Ozean zwischen den Hafenstädten Durban und Port Elizabeth gelegen) war den Mariannhillern anvertraut. Als ich in die Diözese kam, waren der Bischof und die Mehrzahl der Priester meine Mitbrüder. Nur vier schwarze Diözesanpriester gab es. Das hat sich jetzt total umgekehrt. Ich und ein zweiter Österreicher sind die einzigen weißen Mariannhiller Priester in der Diözese. In dieser Zeit habe ich sieben Bischöfe erlebt.

Im Xhosa-sprechenden Teil der Diözese sind viele Missionsstationen erst während oder nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Es sind junge und kleine Gemeinschaften ohne geprägte katholische Tradition. Vieles war im Aufbau: nicht nur Kirchen und Außenstationen, sondern auch pastorale Initiativen wie z. B. organisierte Katechese für Kinder auf allen Außenstationen der Pfarre, eine Jugendorganisation Chiro genannt, Ausbildung von Katecheten, Katechumene-Unterweisungen, Pfarr(gemeinde)räte und Diözesan-Versammlungen, Übersetzungen von katechetischem Material, Gesang- und Messbuch in die lokale Sprache. Und vieles mehr. An alldem durfte ich in irgendeiner Weise mithelfen. Das trägt dazu bei, dass die Diözese zu einer Art Heimat wird.

Ich war immer im Xhosa-sprechenden Teil der Diözese tätig und da hauptsächlich auf drei Missionsstationen. Angefangen habe ich in Qumbu, es folgte ein kurzes „Zwischenspiel“ auf zwei anderen Stationen, dann St. Patrick und dann Libode. Diese Runde habe ich später wieder gemacht, wobei ich 22 Jahre lang in St. Patrick war und der Abschluss ist jetzt wieder in Libode.

Ich fühlte mich nicht nur in der Diözese daheim, sondern auch unter meinen Mitbrüdern. Viele von ihnen sind schon gestorben. Zwei davon auf tragische Weise. Pater Michael Oettle ertrank im Meer und Pater Ernst Plöchl wurde 2009 auf seiner Missionsstation Mariazell ermordet.

Die zweite Situation, die sich in den vergangenen 46 Jahren grundlegend geändert hat, ist die politische. Hergekommen bin ich, da war die Apartheidpolitik in ihrer „Blütezeit“. Ich habe das nur in kleinem Ausmaß und in täglichen Erlebnissen im kleinen Ort Qumbu erlebt. Wir weißen ausländischen Missionare wurden von der Geheimpolizei überwacht. Um 9 Uhr abends ging die Sirene, und alle Schwarzen mussten den Ort verlassen. Die großen politischen Ereignisse geschahen in den Großstädten, wie 1976 der Sowetoaufstand mit vielen Toten unter den schwarzen Studenten; die Bombenanschläge und Attentate mit Toten, der Ausnahmezustand in den 80er Jahren, die Protestmärsche der schwarzen Jugend, wo es immer viele Tote gab, und anschließend die Massenbegräbnisse.

Unsere Diözese liegt zur Gänze im früheren Homeland Transkei. Hier gab es zwar keine Apartheid, aber die Leute sind von der eigenen schwarzen Regierung unterdrückt und in Schach gehalten worden. Am 26. Oktober 1976 um Mitternacht im Stadium von Mthatha war ich bei der „Geburt“ dieses Staates dabei. Aber für die Leute brachte das nur Nachteile. Sie waren im eigenen Land Gefangene. Die Transkei wurde zu einem Zufluchtsort des ANC (African National Congress), von wo aus Attentate geplant wurden. Manche von diesen idealgesinnten Freiheitskämpfern habe ich persönlich gekannt.

Im April 1994 hat all das, die Apartheid, die Homeland Politik, die Zersplitterung des Landes, die Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung usw. ein Ende gefunden durch die ersten demokratischen, freien Wahlen, bei denen der ANC unter Mandela siegreich hervorgegangen ist und die erste rassenfreie Regierung gestellt hat.

In diesen 46 Jahren hat es große Veränderungen gegeben im Land, aber sie sind noch nicht durchgesickert zu den untersten Schichten, der Landbevölkerung in den früheren Homelands. Die Führungsschicht des ANC hat sehr schnell das Ideal vergessen, das den ANC seit der Gründung 1912 geleitet hat: ein besseres Leben der schwarzen Bevölkerung.

Rückblickend auf meine Zeit hier in Südafrika fühle ich mich vor allem mit den einfachen Menschen auf dem Land eng verbunden. Ich habe nichts beigetragen zu deren materiellen Verbesserung. Aber ich hoffe, dass meine Gegenwart ihnen eines vermittelt hat – in den harten Jahren der Unterdrückung und Rechtlosigkeit und nun, da die weißen Missionare ans Ende kommen: Wir haben sie nicht allein oder im Stich gelassen.“

 

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