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Erste größere Finanz-Hilfen für nicht-pastorale, sondern medizinische, soziale, schulische und landwirtschaftliche Projekte - Misereor im Jahre 1959

Eine etwas andere Aufgabe hatte Bischof Schmitt schon ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Simbabwe im ersten Jahr für mich: Da war aus Aachen ein größeres Kuvert mit einem umfangreichen Fragebogen an zunächst vorwiegend deutschsprachige Missionare in alle Welt verschickt worden. Es ging um die erste „Fastenaktion der deutschen Katholiken“, deren Idee auf Alfons Erb von Pax Christi zurückging.

Viele Missionare hatten noch nie von dieser Aktion gehört. Bischof Schmitt übergab mir das Schreiben aus Aachen (bisher bekannt als Standort von Missio und Missionswerk der Kinder) und sagte: „Lies alles mal durch, und wenn du meinst, wir sollten die vielen Fragen beantworten, dann lass es mich wissen. Ich selber hab keine Ahnung, wie man das macht!“

Bischof Schmitt hatte ungefähr 15 Jahre in den USA verbracht; er sprach fließend Amerikanisch-Englisch, aber in seiner Muttersprache Deutsch fühlte er sich nicht mehr so sicher.

Auch das war wohl mit ein Grund, warum er mir das Ausfüllen des Fragebogens überlassen wollte. Nur, wie hätte ich das tun sollen? MISEREOR erwartete ausführliche Informationen über jede einzelne Station: Lage, Größe, Einwohnerzahl, Anteil an Katholiken, Missionspersonal, Einnahmen vor Ort, andere Quellen – und detaillierte Beschreibungen der geplanten Projekte.

Lauter Fragen, die eigentlich nur der Bischof selber beantworten konnte! Das brachte schließlich den Bischof auf die Idee, mich zwei, drei Wochen lang durch das gesamte Bistum zu fahren, um auf diese Weise an die entsprechenden Informationen zu kommen, die für den MISEREOR-Fragebogen so wichtig schienen.

Auf diese Weise bekam ich einen ersten nachhaltigen Gesamtüberblick über jede Missionsstation, über das gesamte Personal des Bistums, über die örtliche Lage, über die Zukunftspläne und die finanzielle Situation der einzelnen Stationen bzw. jeder Stadtpfarrei in Bulawayo.

Da in Begleitung des Bischofs, zeigte man sich mir, dem Neuling gegenüber, durchaus offen und vertrauensvoll. Eine bessere Chance, die Gesamtsituation des Bistums kennen zu lernen sowie einen kleinen Überblick über die politischen Verhältnisse des Landes zu erhalten hätte ich kaum bekommen können – nicht in so kurzer Zeit!

Kaum hatten wir unsere „Rundfahrt“ beendet und waren wieder nach Bulawayo zurückgekehrt, da erkrankte ich an Malaria. Man hatte vergessen, mich rechtzeitig zu warnen und auf prophylaktische Anti-Malaria-Tabletten aufmerksam zu machen. Das hatte schwerwiegende Folgen: Ich hatte fortan immer wieder mal Malaria-Anfälle mit den hässlichen Begleiterscheinungen: Hohes Fieber, Schüttelfrost, Durchfall, Erbrechen – und der Gewissheit, lebenslang für Malaria anfällig zu bleiben, vor allem bei größerem Orts- und Klimawechsel.

Meine letzten, schweren Malaria-Fieberschübe hatte ich in Kanada (1972) – auf dem Rückflug von Papua-Neuguinea. Im Übrigen habe ich künftig Reisen in „Malaria-Regionen“ weithin vermieden bzw. rechtzeitig Anti-Malaria-Tabletten zu mir genommen.

Zurück zum MISEREOR-Fragebogen: Ich saß mehrere Tage an der Ausarbeitung dieses Papiers – mit ausführlichen und detaillierten Angaben zu jeder Missionsstation – sowie mit einem Überblick zur Gesamtsituation des Landes, das damals im Vergleich zur heutigen korrupten Situation noch glänzend dastand. Die Menschen hatten durchschnittlich genug zu essen. Bei größeren Dürreperioden und bei massiven Unwettern sprangen gewöhnlich die Hilfsorganisationen der Regierung ein – zusätzlich zu den internationalen Werken.

Aber der radikal-totale politische Wechsel von der quasi-selbständigen Kolonial-Regierung zum „System Mugabe“ fand erst rund 20 Jahre später statt, nach den 1980er Jahren. Heute (2021) ist das einst blühende Land eine Ruine – trotz seiner vielen Bodenschätze (Kohle, Erz, Gold, Asbest, Diamanten), trotz seiner einst ertragreichen Land- und Viehwirtschaft, trotz üppigem Mais- und Tabakanbaus… Rhodesien war in vielerlei Hinsicht ein Exportland; heute hungern Millionen, vor allem schwarze Einwohner.

Bischof A. G. Schmitt erntete später viel Lob für das von ihm nach Aachen gesandte Antwort-Papier. Wir, im Erz-Bistum Bulawayo, waren denn auch bei den Allerersten, deren Anträge auf finanzielle Beihilfen positiv beantwortet wurden. Noch Jahrzehnte später profitierten vor allem unsere Missionskrankenhäuser von der einst erstellten Gesamtübersicht des heutigen Erzbistums Bulawayo.

Besonderer Dank gilt unseren Ärztinnen und Ärzten, die das mühsame Erstellen und Bearbeiten der Misereor-Anträge über Jahrzehnte auf sich nahmen und erfolgreich weiterführten.

Wir – auf der Embakwe-Mission, wo ich ab Dezember 1959 stationiert war – erst als Assistent von Pater Elmar Martin Schmid, dann als sein Nachfolger (Rektor & Pfarrer der Station sowie als Prinzipal der dortigen High School) erhielten zwischen 1960 und 1965 rund ein Dutzend MISEREOR-Finanzspritzen:

  • Darunter Gelder für zwei Staudämme, d. h. Viehtränken für die Herden der benachbarten afrikanischen Farmer;
  • für eine große Werkhalle mit Schreinerei, Schlosserei etc.
  • für die Bewässerung von ca. 70 Morgen Brachland in der Nähe unseres großen Stausees am Tschankitscha, einem Nebenfluss des Embakwe-Rivers;
  • für einen Internats-Neubau für farbige Mädchen; Mischlingskinder aus ganz Rhodesien/Simbabwe sowie aus Nordrhodesien (Sambia) und aus Nyassaland (Malawi);
  • für einen Traktor zum Pflügen der Felder der schwarzen Landwirte der Umgebung;
  • für einen Sechs-Tonnen-Mercedes-Laster zugunsten der Embakwe-Mission, wo täglich rund 600 Personen (Schwarze, Weiße, Farbige) verköstigt werden mussten…

Die Diözese Bulawayo gehörte auch zu den ersten im südlichen Afrika, wo deutsche MISEREOR-Helfer/innen zum Einsatz kamen – Krankenschwestern auf der Fatima-Mission und Saint-Pauls‘ sowie zwei Agrar-Experten und einen Schreinermeister auf der Embakwe-Mission.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mehrere ältere Patres mich allen Ernstes warnten: „Ob das gut geht?! Laienhelfer unter Patres, Brüdern und Ordensschwestern!?“ – Sie schüttelten ihre ergrauten Köpfe und baten mich eindringlich, von solchen Risiken abzusehen!

Es ging gut! Und ich hatte ja (wie schon erwähnt) etwa zeitgleich in Embakwe auch einen Missionshelfer aus England als Sekretär, den schon sehr bald alle andern auf der Station schätzten und respektierten: Mr. John Jakob aus London!

Er war nicht nur mein Sekretär im Büro, sondern auch Handlanger und Hilfskraft überall dort, wo gerade zupackende Hände gebraucht wurden. – Mit unserem greisen, mitunter etwas knurrigen Bruder Maurice, einem Schweizer (der sich in mindestens zehn Handwerker-Berufen zurechtfand) verstand sich John besonders gut.

Religiöse und pastorale Projekte wurden von Anfang an von MISEREOR nicht mitfinanziert, also auch keine Kirchenbauten, keine Gebetsräume, keine katechetischen Zentren. Nicht die Religions-Zugehörigkeit spielte bei der Vergabe der Gelder eine Rolle, sondern die Bedürftigkeit der Menschen und die Zusicherung, dass diese Gelder korrekt verwendet würden.

Was in der Bundesrepublik (MISEREOR betreffend) kaum gesehen und gewürdigt wird, ist die „Strahlkraft des Hilfswerkes“ weit über die finanziellen Hilfen hinaus: Ich bin viel in der Welt herumgekommen, habe zahlreiche MISEREOR-Projekte kennengelernt und bin, egal wo ich nachfragte, immer auf positives Echo gestoßen. Dabei scheint mir das allgemeine Ansehen, das Deutschland durch MISEREOR gewonnen hat, noch viel wertvoller zu sein als die Anerkennung wegen der großzügigen Geldspenden.

Ich wage den Vergleich, auch wenn er unzulässig erscheint: Adenauer, der Weise und Humorvolle von Rhöndorf, hat nach 1945 den Deutschen in der Welt wieder zu Respekt und Ansehen verholfen; Kohl, Weizsäcker, Merkel, Brandt, Steinmeier u.a. haben ihrerseits viel dazu beigetragen – und auch Papst Benedikt XVI. darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Die Bescheidenheit und das gütige Lächeln, womit dieser Papst „aus dem ehemaligen Hitler-Deutschland“ die Menschen in aller Welt bezauberte, hat manchen „Deutschen-Skeptiker“ eines Besseren belehrt.

In ähnlichem Sinne wie MISEREOR hat von evangelischer Seite die Aktion BROT FÜR DIE WELT das gute Ansehen der Deutschen im Ausland gestärkt; ebenso die katholischen Werke ADVENIAT und RENOVABIS.

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