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„Ethnische Spannungen sind von der Politik befeuert“

Kenia kommt auch acht Tage nach den Wahlen nicht zur Ruhe: Mehrere Dutzend Tote vermelden die Nachrichtenagenturen bislang im Zusammenhang mit den Unruhen, die das Land nach wie vor erschüttern, unter den Opfern sind auch Kinder. Die Bischöfe wie auch die Vereinten Nationen haben sich in Stellungnahmen vom Dienstag besorgt über die Situation gezeigt. Denn die Anhänger des unterlegenen Kandidaten Raila Odinga vermuten nach wie vor Wahlbetrug, Polizeikräfte schlagen deren Proteste teils gewaltsam nieder.

Erinnerungen an die von schweren Unruhen überschatteten Präsidentenwahlen von 2007 werden wach: damals kamen rund 1.200 Menschen ums Leben, über eine halbe Millionen Menschen waren auf der Flucht. Auch die Wirtschaft des Landes hatte schwere Rückschläge erlitten. Umso schlimmer der Gedanke, dass ähnliches wieder geschehen könnte und die politische Führung offensichtlich nichts aus den Ereignissen gelernt hat: denn sie befeuert bewusst die ethnischen Gegensätze, die den Konflikten zugrunde liegen, betont der Comboni-Missionar Mariano Tibaldo, der die Unruhen 2007 als Provinzial vor Ort miterlebt hatte.

„Leider ist es eine Tatsache, dass in Kenia die ethnischen Spaltungen sehr stark ausgeprägt sind. Doch es ist auch eine Tatsache, dass die Politik diese Spannungen für ihre Zwecke ausgenutzt hat, und das nicht erst seit heute. Die Politik Kenias ist sehr stark nach ethnischer Zugehörigkeit polarisiert. Das heißt, es gibt nicht so sehr eine Politik, in der Ideen verfolgt werden, sondern Politik bedeutet, dem zu folgen, der aus der eigenen Ethnie stammt. Und das macht die Lage in Kenia so kompliziert und explosiv. Doch die ethnischen Gruppen sind nicht der Grund für die Spaltungen, vielmehr werden sie es, wenn die Politik sie für die eigenen Zwecke nutzt. Und das ist das große Drama Kenias wie auch so vieler anderer afrikanischer Länder.“

Ethnische Spannungen gepaart mit Armut sei der Mix, der die Situation derart explosiv werden lasse, betont der Missionar. Denn in großen und relativ wohlhabenderen Städten konnte man auch im Jahr 2007 „ruhig auf die Straße gehen“. „Das heißt, je ärmer die Bevölkerung, desto mehr Gewaltausbrüche gibt es und desto besser greift der Aspekt der ethnischen Spaltungen,“ so die Analyse Tibaldos.

„2007 waren die Proteste noch sehr viel verbreiteter als diese, in einige Gegenden Kenias konnte man überhaupt nicht gehen. Die Straßen, die den Hafen von Mombasa mit den umliegenden Nationen verbinden, zum Beispiel mit Uganda, Sudan, oder Kongo, Ruanda und Burundi, waren geschlossen mit allen wirtschaftlichen Konsequenzen, einer drastischen Preissteigerung. Ich erinnere mich, dass vor allem in den Slums  die Gewalt explodiert ist. Zum Beispiel in der Barackenstadt Kibera, die auch in der Nähe unseres Hauses liegt, wo eine Millionen Menschen leben. Aber auch in der von Korogocho, wo eben die Menschen der verschiedenen Ethnien Tür an Tür leben. Heute scheint es mir, dass die Proteste viel weniger ausufern.“

Dass dies so bleibt, das hoffen nicht nur die Kenianer, sondern auch die umliegenden Nationen, genauso wie die gesamte Weltgemeinschaft, für die Kenia ein Garant der Stabilität in der Region ist. Denn die wirtschaftliche Bedeutung Kenias für die Nachbarländer sei enorm, erklärt der Pater; unter anderem sei es der Hafen von Mombasa, der auch für die umliegenden Länder ohne große Häfen den Dreh- und Angelpunkt für alle Arten von Waren, die auf dem Seeweg transportiert würden, darstelle. „Deshalb bedeutet eine Krise in Kenia, wie es auch schon 2007 der Fall war, eine Krise für die umliegenden Länder,“ fasst Tibaldo die Befürchtungen der Beobachter zusammen.

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