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Das Generalat bat in den 1980er Jahren die Provinzoberen in den Provinzen eine Diskussion zu starten über Abt Franz Pfanner und sein Charisma.

Der damalige Provinzial von Papua Neuguinea, Pater Gerard Hafmans zitierte in seiner Antwort eine Bemerkung seines Novizenmeisters (von 1944): wenige könnten heutzutage unter dem Stab des Abtes leben, da er äußerst wenig Raum ließ für persönliche Initiative. Dieser Novizenmeister war kein anderer als Pater Hermann Arndt, der zu Lebzeiten des Abtes Trappist in Mariannhill gewesen war und später Generalsuperior der Kongregation wurde. (Arndt trat erst 1908 in Mariannhill ein, Anm. Redaktion Mariannhill)

Sicherlich keine schmeichelnde Bemerkung gleich am Anfang, wenn es gilt, persönliche Eindrücke des Gründers von Mariannhill festzuhalten. Mit meinem begrenzten historischen Wissen über die Person von Abt Franz muss ich allerdings sagen, dass ich die Bemerkung von Pater Arndt irgendwie verstehe. War er nicht ein rauer Mann, ein Draufgänger und selbstbewusst, der seinen eigenen Weg ging, wenn er sich einmal entschlossen hatte? Hat er nicht (zu) viel von seinen Männern verlangt? Hat er nicht Reibungen mit seinen Oberen sowie Spaltungen in seiner eigenen Gemeinschaft erzeugt?

Als ich 1982, zum Fest des hundertjährigen Bestehens von Mariannhill, gebeten wurde, einen Vortrag zu halten über Abt Franz Pfanner und sein Charisma, versuchte ich über gewisse Klischees und Vorbehalte in Bezug auf seine Persönlichkeit hinwegzusehen. Aber es gibt sicher auch die andere Seite der Medaille, die nicht übersehen werden darf. Seine Erfolge für die Kirche und ihre Mission im südlichen Afrika weisen ihn als einen Mann mit ausgezeichneten Qualitäten aus. Diese Tatsache fordert uns heraus, einige der Vorurteile über diesen bemerkenswerten Mann zu hinterfragen. Die Geschichte hat bewiesen, dass er ein weitsichtiger Mann war, prophetisch in seinen Entscheidungen, ein Mann, der sich nicht scheute, in gewissen Situationen das größere Gut über kleinliche Regeln zu setzen. Stand Gott nicht hinter seinen Idealen, Visionen und Erfolgen, nochmals mit dem Beweis, dass Er auch „auf krummen Linien gerade schreiben kann“?

Im Alten Testament wurden die Propheten von ihren Feinden als Friedensstörer angesehen; wie sie hatte auch Abt Franz den Mut, trotz aller Widerstände aufzustehen und zu kämpfen für seine Ideale betreffs der Verbreitung des Gottesreiches in der spezifischen Situation in Südafrika. Er setzte seine Prioritäten und blieb dabei. Seine pastorale Einstellung – auch als Trappist – und die Bedürfnisse der Menschen in seiner Umgebung, trieben ihn dazu, sich selbst und die ganze Mariannhiller Gemeinschaft in den Dienst der umliegenden Stämme zu stellen. Was er tat, war sicher nicht im Einklang mit dem strengen monastisch-, kontemplativen Lebensstil der Trappisten. Er brach viele Konflikte und Störungen vom Zaun sowohl in den eigenen Reihen als auch mit den Vorgesetzten. Aber was er tat, stellte sich schließlich als die richtige prophetische Vision zum Wohl der Leute und der Kirche in Natal heraus.

Ich finde, dass die Charakterisierung von Abt Pfanner durch Pater Adalbert Balling als einen Mann der ersten Stunde seine Persönlichkeit immer noch am besten trifft. Es war sein Charisma, den rechten Augenblick zu erspüren und um der Verkündigung des Evangeliums willen zu handeln und dem Gottesreich den Weg zu ebnen. Die Ausbreitung des Klosters Mariannhill durch eine Reihe gut ausgerüsteter Missionsstationen; seine Initiativen auf erzieherischem, landwirtschaftlichem und sozialem Gebiet; der Ankauf ausgedehnter Ländereien, um einheimische Christen darauf anzusiedeln; die Anwerbung von Kandidaten für die Missionsaufgaben in Südafrika, all das war außergewöhnlich für einen kontemplativen Mönch. Aber getrieben von seiner prophetischen Vision des „Reiches Gottes, das keine Grenzen hat“, und von seinem missionarischen Charisma, hat er nicht gezögert, die monastischen Regeln der Trappisten der konkreten Situation und den besonderen Umständen anzupassen, wann immer die Notwendigkeit des Augenblicks es erforderte.

Das stimmt sehr treffend überein mit dem, was St. Paul laut einiger alter Bibelmanuskripte der charismatischen christlichen Gemeinde in Römer 12,11 empfiehlt: „Seid eifrig im Geist und dient der rechten Zeit.“ Kairos, der rechte Augenblick oder die rechte Gelegenheit, der richtige Zeitpunkt, ist das Wort, das hier benutzt wird anstelle von Kyrios, der Herr, wie in den meisten Übersetzungen. Diese Variante, kairos könnte sehr wohl als Synthese dienen für das prophetische Charisma von Abt Franz. Er diente dem Herrn zu besonderen Gelegenheiten, immer bereit, sich für die Sache des Gottesreiches einzusetzen, wann immer der rechte Zeitpunkt eintraf. Eine solche christliche Grundhaltung, eifrig im Geist und gleichzeitig im Dienst des rechten Zeitpunkts, ist in vollem Einklang mit dem benediktinischen Motto, ora et labora, bete und arbeite. Sie verwandelt Arbeit und Tätigkeit und jedes Unternehmen, als ein von Gott gegebener Augenblick, in Gottesdienst.

Abt Franz Pfanner hat dem Herrn und seinem Reich gedient indem er bei vielen Gelegenheiten den rechten Augenblick erkannte, um neue Wege zu gehen. Er wusste, wie man die Zeichen der Zeit liest. Das machte ihn zu einem Propheten der rechten Zeit, der wusste, wie man den rechten Moment (kairos) für den Dienste des Herrn (kyrios) nutzen kann.

Unter diesem Gesichtspunkt sollen nur einige seiner Haupterfolge erwähnt werden. –

Er verpflichtete ein ganzes Kloster von 300 Mönchen – zu der Zeit das größte Kloster der Trappisten – auf den aktiven Dienst der Evangelisierung der Völker.

Er erhob seine Stimme für die Rechte und Würde aller Menschen in Südafrika. Er war gegen jegliche Form von Rassismus und Apartheid. Er zögerte nicht, Schüler aller Rassen in seinen Schulen gleichwertig zu behandeln.

Das Sozialprogramm von Abt Pfanner war klar auf bessere Lebensverhältnisse für die Einheimischen ausgerichtet. Eigene Farmen wurden eingerichtet, um den Leuten beizubringen, wie man bessere Erträge erzielt.

Er war überzeugt, dass ein solides Christentum nicht möglich ist ohne eine solide soziale Struktur.

Von Anfang an erkannte der Gründer von Mariannhill die Bedeutung eines einheimischen Klerus. Fünf Jahre nach der Gründung von Mariannhill sandte er bereits Studenten nach Rom für das Studium der Theologie. Dies ist die Pioniertat eines weitsichtigen Mannes.

Als Gründer der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut (CPS) erkannte er die Gleichberechtigung von Frauen in der aktiven Missionsarbeit an und ebnete ihnen die Bahn, sich der einheimischen Frauen und Mädchen in jeder Beziehung anzunehmen.

Er war auch ein Mann der „rechten Stunde“, als er unter den Katholiken Europas Missionsinteresse weckte und förderte. Er begriff, dass es Zeit war für eine große Missionsbegeisterung. Viele Leute ließen sich von ihm für die Mission begeistern und traten in Mariannhill in den Trappistenorden ein. Er warb erfolgreich für Berufe und förderte sie.

Eine weitere Pionierleistung war es, Laien in der Mission einzusetzen.

Er machte das Presseapostolat zu einem wichtigen Werkzeug der Verkündigung.

Sein missionarischer Weitblick war nicht auf Südafrika begrenzt, sondern ging über die Grenzen des Schwarzen Kontinents hinaus nach Australien, China, Russland; seine missionarische Ausrichtung war global, universal.

Es war schon immer das Schicksal der Propheten, als Aufwiegler zu gelten und als unpopulär und peinlich empfunden zu werden, besonders was die etablierte Gesellschaft betrifft. Abt Franz teilte dieses Schicksal freiwillig zugunsten seiner ersten Priorität: die Verkündigung der Frohen Botschaft (Lk 4,18). Er war bereit, der Sklave aller zu werden, um so viele wie möglich zu gewinnen (1.Kor 9,19).

Bei einem Arbeitskreis in Madang, für Ordensobere zum Thema „Ordensleben in Zukunft“, fragte der Referent, Pater Kevin Barr MSC: „Was erwartet man von einem Propheten heute?“ Mit Hinblick auf die Propheten des Alten Testaments führte er aus, dass der Prophet genau weiß, was in der Gesellschaft um ihn herum vor sich geht, wie die Dinge zurzeit wirklich liegen. Er ist in der Wirklichkeit seiner Situation verwurzelt. Er liest die Zeichen der Zeit. Seine Botschaft drückt aus, was Gott dieser Zeit sagen möchte. Sie spricht die Bedürfnisse der Leute an. „Der Prophet ist gleichzeitig wirklichkeitsbezogen und kontemplativ. Seine Botschaft kommt aus der Kontemplation aber sie gründet in der Wirklichkeit.“

Diese Beschreibung eines modernen Propheten trifft ohne Zweifel auf Abt Pfanner zu. Trotz gewisser Mängel, die seiner Persönlichkeit anhaften, betrachte ich ihn als einen Mann mit Vision, einen Mann, der die Zeichen der Zeit lesen und danach handeln konnte, „eifrig im Geiste, dem rechten Zeitpunkt dienend“, kurz gesagt ein Prophet der rechten Zeit.

Autor: Pater Frans Lenssen CMM (überarbeitet und übersetzt von Schwester Annette Buschgerd CPS)

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