headermariannhill2

Wir Missionare von Mariannhill verehren am 26. Juli die Mutter der Gottesmutter, die Heilige Anna, als zweite Patronin unserer Kongregation. In unseren Häusern finden sich daher viele Darstellungen der Heiligen Anna. Zu einer besonderen hat sich Hanns Sauter aus Wien Gedanken gemacht:

Gedanken zu einer Plastik aus dem Würzburger Pius-Seminar - „Anna ist unsere liebe Großmutter, auf die wir viel halten.“ (Abt Franz Pfanner)

Eine bodenständige Heilige. Die Aussage von Abt Franz Pfanner ist eines von vielen Zeugnissen über die Beliebtheit und Popularität, welche die Hl. Anna, der Mutter Marias, genießt. Immerhin ist der Name Mariannhill eine Schöpfung aus den Namen Maria und Anna und bedeutet so viel wie Maria-Anna-Hügel. Seit Jahrhunderten gehört „Anna“ zu den beliebtesten Mädchennamen. Seine hebräische Form ist „Hanna“ und heißt im Deutschen „Anmut“, „Gnade“. Die Verehrung der Hl. Anna hat ihre Wurzeln in den apokryphen Evangelien und anderen Überlieferungen, die sich historisch zwar nicht nachprüfen lassen, für die Frömmigkeit des Mittelalters aber eine große Bedeutung hatten. Anna und Joachim hießen nach diesen Traditionen die Eltern Marias. Nach langer Kinderlosigkeit wurde ihnen auf ihr inständiges Gebet hin ein Kind geschenkt, ein Gnadenerweis Gottes, denn dieses Kind, Maria, war zur Mutter Gottes bestimmt. Den Überlieferungen zufolge war Anna die Mutter einer sehr weit verzweigten Familie, die später „Sippe Christi“ genannt und auch auf Bildern dargestellt wurde. Die Kreuzfahrer brachten den Anna-Kult aus dem nahen Osten nach Europa. Seine schnelle Verbreitung deutet darauf hin, dass dort im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit die Rolle der Großmütter erstmals stärker wahrgenommen wurde. Die heilige Anna war für den mittelalterlichen Menschen bodenständiger und greifbarer als ihre Tochter Maria, die mehr und mehr zur Himmelskönigin wurde. Anna hingegen konnte man als vorbildliche Mutter und Großmutter betrachten. Sie wurde zur Identifikationsfigur für alle Frauen, die das Leben als Mutter und Großmutter und nicht das Leben einer Klosterfrau gewählt hatten. Eine weitverzweigte Familie entsprach aber auch dem Familiengefühl des spätmittelalterlichen Bürgertums. Bei der Eucharistiefeier an ihrem Festtag dem 26. Juli, wird die bekannte Stelle von der tüchtigen Hausfrau aus dem Buch der Sprichwörter gelesen (Spr 31,10-31). Sie greift die in den Legenden hervorgehobenen hausfraulichen Qualitäten Annas auf. Zahlreiche Darstellungen in Malerei und Plastik zeigen, wie sie die kleine Maria nicht nur in allem unterweist, was zur Haushaltführung gehört, sondern auch lesen, schreiben und beten lehrt. Viele Frauen sahen in ihr ein Vorbild an Fürsorge, Umsichtigkeit und Zärtlichkeit - Eigenschaften, die vor allem älteren Frauen zugeschrieben werden.

Die Plastik im Pius-Seminar

In der Kunst wird Anna in der Form der „Anna Selbdritt“ (dh. „zu dritt“) in ihrer unterstützenden und tragenden Großmutterrolle dargestellt. Besonders deutlich kommt dies bei den Bildern zum Ausdruck, wo Anna Maria auf ihren Knien hält und diese wiederum ihren Sohn Jesus in den Armen trägt. Die hier abgebildete Plastik aus dem Mariannhiller Pius-Seminar in Würzburg, das wohl um 1920 der bekannte Würzburger Bildhauer Heinz Schiestl (1867-1940) geschaffen hat, stellt hingegen den Aspekt der Glaubensweitergabe von der älteren an die jüngere Generation heraus. Dargestellt ist Anna als eine durchaus jugendlich wirkende Großmutter, Maria als junge Mutter, neben der Jesus sitzt. Anna breitet beschützend ihre Arme über Tochter und Enkelkind. Die Darstellung erinnert an die der Schutzmantelmadonna! Anna ist die Großmutter, die schützend und sorgend jederzeit für Kind und Enkel da ist. Unter dem Schutz ihrer Mutter, der erfahrenen Frau, sitzt Maria, die junge Mutter, die unter dem anteilnehmenden Blick der Großmutter ihr Kind ins Leben einführt. Maria hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen und liest daraus dem Jesus-Kind vor. Bei aller Verbundenheit, die zwischen den beiden herrscht, ist doch eine gewisse Distanz spürbar. Jesus ist nicht dargestellt als das kleine Kind, das sich hilfesuchend an die Mutter oder an die Großmutter anlehnt. Er sitzt neben seiner Mutter und vollzieht aufmerksam mit, was sie tut. Noch ist er das Kind, das die Nähe liebender und vertrauter Menschen wie Mutter und Großmutter braucht, die ihn in das Leben einführen. Später wird er den Schutz und die Geborgenheit einer menschlichen Familie verlassen und sich ganz dem Willen seines himmlischen Vaters übergeben.

Vorfahrin im Glauben

Anna ist nicht nur Großmutter Jesu Christi im menschlichen Sinn, sondern ihr kommt auch heilsgeschichtliche Bedeutung zu. Als „Großmutter Christi“ wird Anna erstmals in einem Hymnus des Mailänder Domherrn Origo Scaccabaronzi (+1292) bezeichnet. Andere Hymnendichter nehmen diesen Beinamen auf, so dass er auch in der Liturgie Eingang findet. Ein deutsches Gebet aus dem Jahre 1648 zeigt, dass die „Großmutter Christi“ nicht nur als menschliche Großmutter Jesu, sondern auch als Vorfahre im Glauben an ihn betrachtet wurde: „Gegrüßt seist du, Anna, würdigste und seligste Großmutter Christi, Wurzel des edlen Stammes Jesse, denn von dir ist geboren unsere Seligkeit und dadurch unser Leid in ewige Freude verwandelt worden. Sei gegrüßt, du heilige Frau Anna, Ehre aller Frauen, von dir ist geboren der rechte Morgenstern, der die Sonne der Gerechtigkeit in sich eingeschlossen hat, die die ganze Welt erleuchtet. Gegrüßt seist du, Anna, du gesegnete Erde, die die Königin des Himmels und der Erde getragen hat. O allerherzlichste Mutter, freu‘ dich mit uns und verhilf uns teilhaftig zu werden der ewigen Freude deines lieben Kindes Maria.“

Nochmals die Plastik

Den Gedanken „Anna, die Vorfahrin im Glauben“ reflektiert die Plastik auf sehr berührende Weise. Die Art und Weise, mit der Anna die Arme ausbreitet, ist nicht nur eine Geste von Schutz und Geborgenheit, sondern auch die des Gebets. Die Großmutter schließt ihre Tochter und ihren Enkelsohn in ihr Gebet ein. Unter dem Mantel ihrer Fürsorge ist ein Raum des Gebetes spürbar, in dem Maria und Jesus leben. Anna hat Maria in den Glauben eingeführt. Nun schaut sie auf ihre Tochter, die mit ihrem Kind tut, was sie von ihrer Mutter übernommen hat, und unterstützt Maria - diskret im Hintergrund bleibend - mit ihrem Gebet. Das Buch, das Maria aufgeschlagen hat, ist nicht irgendein Buch, es ist die Heilige Schrift, aus der sie Jesus vorliest oder vorbetet. Jesus hat die Hände gefaltet. Er betet mit. Dabei sitzt er neben Maria wie auf einem Thron. Dies lässt in dem Kind schon den Jugendlichen durchscheinen, der zum großen Erstaunen seiner Eltern mit den Schriftgelehrten im Tempel diskutiert. (Lk 41-52) Kann das Eltern und Großeltern Mut machen, ihren Kindern gegenüber und sicher in einer angemessenen Form - gleich in welchem Alter diese auch stehen - den Glauben einzubringen? Könnte man die Geschichte im Blick auf das weitere Leben Jesu so verstehen, dass die Bemühungen der Mutter bzw. der Eltern, ihr Kind in den Glauben einzuführen - unterstützt durch das Gebet der Großmutter - Früchte tragen - wie immer diese sich im Leben des Einzelnen auch zeigen?

Anna und Großeltern heute

Durch Rat und Tat Kinder und Enkelkinder zu unterstützen, ihre Sorgen und Nöte mitzutragen, sich über ihre Erfolge und Freuden mitzufreuen - darin sehen auch die Großeltern von heute ihre Aufgabe. Sie tun dies auf vielerlei Weise und vermitteln den Kindern das Gefühl in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein und „dazuzugehören“. Oft fällt ihnen auch die Aufgabe zu, den Enkelkindern „beten zu lehren“, d. h. sie mit dem Glauben in Berührung zu bringen, ihnen vom Glauben zu erzählen, sie in den Glauben einzuführen - ganz wie es Darstellungen über die hl. Anna aussagen.

So gibt es vielerlei Berührungspunkte zwischen der Großmutter bzw. den Großeltern Jesu und den Großmüttern und Großvätern von heute. Zweifellos hat sich das Großeltern-sein durch die Jahrhunderte in vielen Einzelheiten verändert. Seine Inhalte und Aufgaben sind aber geblieben - ebenso die Erfüllung, die es für viele bedeutet, Großmutter oder Großvater zu sein.

­