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Ostafrika ist mit der schlimmsten Heuschreckenplage seit Jahren konfrontiert. Eine furchtbare Erfahrung, die auch die ersten Trappisten von Mariannhill in den Jahren 1895 und 1896 im südlichen Afrika machen mussten.

Die Heuschrecken kommen in großen Schwärmen und richten massive Schäden an: Innerhalb kürzester Zeit fressen sie Grünflächen kahl und zerstören komplette Ernten und Weidegründe. In Ostafrika wütet aktuell die größte Heuschreckenplage seit vielen Jahren. Durch die rasante Vermehrung der Insekten ist die Ausbreitung der Schwärme kaum aufzuhalten. Menschen verlieren ihre Lebensgrundlagen und geraten in existenzielle Not. Im Zusammenspiel mit extremen Wetterverhältnissen wie Dürren und Überschwemmungen, Konflikten und der Corona-Pandemie droht Ostafrika eine drastische Verschlimmerung des Hungers.

Die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen ist massiv bedroht. Die Schwärme bestehen aus Hunderten von Millionen Wüstenheuschrecken und decken teilweise ein Gebiet von fast 2.500 Quadratkilometern ab. Bereits Ende 2019 zogen die ersten Schwärme über das Horn von Afrika: Äthiopien, Somalia, Uganda, der Südsudan und Kenia sind von der Plage besonders betroffen.

Für Kenia ist es die größte Heuschreckenplage seit über 70 Jahren. Hungersnot droht. Gerade die ländliche, ohnehin meist in Armut lebende Bevölkerung, deren Lebensgrundlage die Land- und Viehwirtschaft ist, leidet unter den Folgen der Plage. Die Heuschrecken vernichten ihre Ernten und das Weideland ihres Viehs, welches zu verhungern droht. Mit ihnen verlieren die Viehbesitzer ihre gesamte Existenz.

Einer unserer Vorfahren beschreibt die Heuschreckenplage, welche Südafrika 1895 und 1896 heimsuchte, mit folgenden Worten: „‘Nans‘ inkumbi! Nans‘ inkumbi, seht, die Heuschrecken, die Heuschrecken!‘ Wie oft konnte man im Jahre 1895 und 1896 diesen Schreckensruf hören. Ja, ein Schreckensruf; so harmlos eine einzelne Heuschrecke ist, so gefährlich wird sie, wenn sie nach ungezählten Tausenden und Hunderttausenden daherkommt, wie das bei der Wanderheuschrecke der Fall ist.

Es wäre eitle Mühe, all den Schaden aufzählen zu wollen, den diese äußerst gefräßigen Insekten anrichten können, oder näher auszuführen, was sie fressen und was sie nicht fressen. Tatsache ist, dass sie bei Überfluss an Nahrung gewissen Pflanzen gegenüber sich etwas wählerisch zeigen, im Falle der Not aber fressen sie einfach alles, was da wächst und grünt, Blätter und zarte Baumzweige so gut wie Salat und Blumenkohl.

Ihre Hauptbeschäftigung ist überhaupt das Fressen. Sie scheinen nie satt zu werden, denn bei ihnen geht einfach alles durch. Fliegt ein Heuschreckenschwarm einige Minuten übers Haus, so ist im Hofraum alles schwarzgrün von ihren Exkrementen. Auch nachts wird weitergefressen, namentlich wenn sie untertags weite Strecken geflogen sind.

Was ihre Geschwindigkeit und Widerstandsfähigkeit im Fliegen anbelangt, so sind sie mit den Vögeln nicht zu vergleichen, denn sie sind dabei sehr vom Wind abhängig. Bei günstiger, warmer Witterung und mäßigem Wind sind sie imstande, ohne Unterbrechung meilenweit zu fliegen; gegen den Wind aber kommen sie nicht auf, sind ihm vielmehr widerstandslos preisgegeben, sodass schon viele Schwärme auf diese Weise ins Meer getrieben wurden. Dagegen sind sie ausgezeichnete Schwimmer; mit ihren langen Hinterbeinen schlagen sie, während sie mit den Flügeln auf dem Wasser ruhen, die verschiedensten Tempos an, als wären sie von einem Schwimmlehrer dressiert worden. Fallen sie in einen Fluss mit starker Strömung oder in einen Wasserstrudel, dann ist es allerdings um sie geschehen; ist dagegen die Strömung nur mäßig, so kämpfen sie mutig dagegen an und sind bald am anderen Ufer.

Dabei haben sie ein Leben zäher als eine Katze. Einmal stand ich in der Nähe des Umzimkulu, der an jener Stelle sicher über 50 Schritte breit ist. Ich fing eine Heuschrecke, die gerade neben mir aufflog, riss ihr den Kopf ab, an dem noch das halbe Eingeweide hängen blieb, und warf sie weg. Das kopf- und inhaltslose Ding aber flog surrend über den ganzen Fluss hinüber, wo es im Grase verschwand. – Sie sind imstande, das heftigste Unwetter zu ertragen, wenn sie sitzend von demselben überrascht werden. Sie klammern sich dann an Baumzweigen und Halmen an, den Kopf nach oben, die Flügel glatt am Leib angelegt; so decken sie sich wie mit einem Schilde zu, da die Flügel fast 1 cm länger sind als der Leib. Den Rücken kehren sie verächtlich der Wetterseite zu und so lassen sie Wind und Regen ruhig über sich ergehen. Später scheint dann die Sonne wieder; sie warten ein Weilchen, bis sie hübsch trocken sind und setzen sodann ihr Zerstörungswerk mit verdoppeltem Eifer fort.

In höher gelegenen Landstrichen verspricht man sich viel von den Winterfrösten, denen sie erliegen sollen. Tatsache ist, dass sie in kühlen Nächten ganz steif und auch bei nasskaltem Wetter so gelähmt werden, dass sie nicht mehr fliegen, ja kaum mehr kriechen können, doch sobald die Sonne höher steigt, erholen sie sich wieder. Einmal erzählte mir ein Reisender, er habe vor Jahren im Innern Afrikas lebende Heuschreckenschwärme mitten im Schnee gefunden.

Auf dem Fluge halten sie sich nicht immer in dichten Schwärmen. Wohl kommt es vor, besonders bei ruhigem Wetter, dass einzelne Schwärme dicht wie eine dunkle Wolke daher kommen und selbst die Sonne verfinstern, gewöhnlich aber sind die Schwärme lockerer, in der Ferne gleichen sie grauen Rauchwolken, und in der Nähe glänzen und schimmern ihre zarten Flügel, dass man bei all dem Gewimmel meint, es fallen mitten im warmen Sonnenschein zahllose Schneeflocken nieder. Gewöhnlich braucht so ein Schwarm 1 – 2 Stunden, bis er vorüber ist; es gibt aber auch Abteilungen, deren Durchzug halbe oder ganze Tage dauert. Ich habe von einem Reiter gehört, der 10 Stunden lang ritt, bis er einen solchen Schwarm vollständig passiert hatte.

Gegen fliegende Heuschreckenschwärme kann man sich noch einigermaßen wehren. Durch Trommeln und Lärmen auf großen, leeren Blechbüchsen, worauf sich unsere Schulkinder vortrefflich verstehen, kann man sie auf kurze Strecken verscheuchen und so verhindern, dass sie sich in den Obst- und Gemüsegärten niederlassen. Den jungen, noch unbeflügelten Fußgängern gegenüber ist man so viel wie wehrlos.

Pater Pius schrieb seiner Zeit darüber von Maria Ratschitz aus: „Wohl ziehen unsere Schulkinder, etwa 140 im Ganzen, unter Aufsicht eines Bruders und einer Schwester schon in aller Frühe hinaus und postieren sich auf den Feldern; allein hat man von einer Million tausend totgeschlagen, so ist es gerade, als hätte man von einem Tausend eine einzige getötet. Ich selbst habe etwa in einer Stunde 6000-7000 umgebracht und in den Fluss geworfen, habe aber darnach auch nicht die geringste Abnahme dieser nimmersatten Fresser wahrnehmen können. Sie zählen eben nicht nur nach Millionen, sondern nach Milliarden, und zwar jeder einzelne Schwarm. Solch ungeheurer Brutstätten gibt es aber auf unserm Missionsgebiete allein schon 15 – 18. Rechnen wir jeden einzelnen Schwarm nur auf eine Milliarde, so ergeben sich im Ganzen 15 bis 18 Milliarden solcher gefräßiger Heuschrecken. Schon der bloße Gedanke daran kommt einem ungeheuerlich vor, wie viel mehr die nackte Wirklichkeit! Zieht so ein Schwarm aus dem Wiesengrund, worin er sich gewöhnlich aufhält, in ein Maisfeld, wie wir dies im Februar letzten Jahres erlebten, so ist es darum geschehen. Am nächsten Tag stand auf dem sieben Morgen großen Felde nichts mehr als die kahlen Stängel, und auch diese waren bis auf kleine, kaum fußhohe Stümpfe abgefressen. Ähnlich erging es natürlich auch den Maisfeldern der Einheimischen, deren ganze Ernte damit vernichtet war.

Ich wollte, ich könnte unsre geehrten Leser einmal hierher führen und ihnen einen Fleck Wiese zeigen, wo sich eben so ein junger Heuschreckenschwarm findet.

Man denke sich etwa einen Platz wie den Neumarkt in Köln ganz mit Gras bewachsen, aber nicht mit deutschem Wiesengras, sondern mit langen, zähen Grashalmen von 4 – 5 Fuß Länge, wie wir es hier gewöhnlich haben. An jedem einzelnen Halme nun sitzt von oben bis unten in einer Reihe hart nebeneinander Heuschrecke an Heuschrecke, nicht selten 5 – 6 auf einem Häufchen, am ganzen Halme aber sicher zwei Dutzend und darüber. Noch massenhafter aber sitzen und liegen sie im kurzen Zwischengras am Boden; und da ist ein Leben wie in einem Ameisenhaufen! Da wird beständig genagt, gefressen, gekrochen und weitergehüpft, bis endlich rings umher nichts Grünes mehr zu sehen ist. Haben sie einmal Flügel, so schwärmen sie Wolken gleich durchs Land, verwüsten, falls sie nicht gewaltsam daran gehindert werden, alles Grüne, das sie finden, in Gärten, Feldern und Wäldern, und legen endlich, bevor sie verenden, noch ungezählt Myriaden von Eiern!“

Gott allein weiß, was uns diese Heuschrecken innerhalb zweier Jahre in all unsern Gärten und Feldern sowohl in Mariannhill, wie auf den Stationen geschadet haben. Zwei Jahre darauf, im Jahre 1897, gesellte sich zu dieser Plage die noch größere, die Rinderpest, welche damals von Zentral-Afrika ausgehend, aller Gegenmaßregeln zum Trotz, immer weiter nach Süden drang und nicht ruhte, bis sie an der Meeresküste bei Kapstadt anlangte.“

 

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